Der Mond bittet um Asyl …
Gedanken zum Vollmond von Burghard Förster

Neulich traute ich meinen Augen nicht. Vor unserer Kirchentür stand Luna/Mond. Die Augen etwas gerötet. Wahrscheinlich, so dacht ich bei mir selbst, waren Tränen der Grund. Vielleicht auch eine allergische Reaktion auf die ganzen atmosphärischen Störungen zurzeit sowohl auf als auch über der Erde im Weltraum. Nicht zuletzt die vielen Satelliten, der Weltraumschrott, der um die Erde kreist und vermutlich nicht gerade förderlich ist für unseren Trabanten in der Nachbarschaft.
Ich war gerade die Türen am schliessen, als das sanfte Leuchten vom Mond im Rahmen erschien. Was er wünschte, fragte ich. «Asyl», kam ohne Zögern die Antwort.
Asyl? – ich schaute etwas verdutzt. Kirchenasyl war im Mittelalter ein Recht der Kirche, den Verfolgten Schutz zu bieten. Aber heute – 2026?
«Ok», meinte ich, «Asyl. Und was bewog Sie dazu?» Mond/Luna: «Nun, die Atmosphäre» (wie ich es mir dachte) «ist nicht gerade förderlich für ein Gebiet mit einer derart strategischen Bedeutung. Denken Sie nur mal an die Reise zum Mars. Da liege ich als Mond voll auf dem Weg.» Apropos voll, kam mir der Gedanke, «was ist mit Ihrem Vollsein eigentlich, wenn Sie hier in der Kirche sitzen, statt am Himmel zu scheinen?»
«Ist ein Problem, zugegeben», erwiderte der Mond. «Vielleicht gönnen Sie mir eine Mondphase Ruhe, damit ich weiss, wie weiter.»
«Natürlich. Ruhe, eine offene Kirche, ein Offenes Pfarrhaus und ein offenes Ohr biete ich Ihnen gerne an», so meine Worte. «Manches löst sich, wenn man/frau oder Mond sich das Ganze mal setzen lässt. Nun», sagte ich weiter, «dann kommen Sie rein, vielleicht finden Sie auch im Austausch mit anderen, ähnlich Betroffenen neue Stärke, Mut und Hoffnung. Dort drüben sitzen bereits die Ukraine, Grönland und Venezuela und, nicht zu vergessen der Sudan, Palästina und einige andre Länder, die gerade wie Sie Schutz brauchen, weil irgendwelche Geschöpfe sich ihrer bemächtigen wollen … aus welchen Gründen auch immer.»
Kurz vor Vollmond nun verliess Luna/Mond unsere Kirche wieder. Etwas von seinem Schimmer hängt immer noch in unseren Räumen. Unser freundlicher Trabant kehrte gestärkt und ermutigt zurück zu seinem Platz. Die kurzfristige Mondfinsternis – eigentlich, Abwesenheit – fiel niemanden wirklich auf. Eines war aber geklärt – so klar, dass der Vollmond am Nachthimmel am 1. Februar 2026 besonders hell leuchtete.
Gemeinsam mit den anderen wurde ihm bewusst, welche Bedeutung sie als Geschöpfe hatten. Denn irgendwo stand es geschrieben. Neben jedem einzelnen Menschen waren auch Erde und Himmel, Gestirne, Länder und Naturräume, Pflanzen und Tiere von göttlichem Hauch erfüllt. Es galt, sie zu schützen und zu achten, weil sie als Gotteszeichen die Schönheit und Würde des Lebens repräsentieren und bewahren.
2. Februar 2026 | Burghard Förster


