Das Leben in Fülle haben. Auch mit halbleerem Glas (?)
von Dr. Samuel Behloul

«Das Nah bei den Menschen darf nicht ausgeblendet werden.» Samuel Behloul
Bei einem Jahresrückblick schaut man naturgemäss auf das zurück, was in den vergangenen Monaten war. Zugleich richtet sich der Blick nach vorne, auf das, was zu erwarten ist. In meiner Funktion als Pastoralraum-Leiter war ich in diesem Jahr bei zahlreichen Sitzungen, Workshops und Tagungen unterwegs. Der Hauptfokus und der Sorgenbarometer sind nach wie vor dieselben: Die Zukunft der Kirche Schweiz im Allgemeinen und die Entwicklung unseres Pastoralraumes im Besonderen. Gleich bleiben auch die zwei Blickrichtungen, die seit Jahren die Diskussionen um die Zukunftsaussichten unserer Kirche dominieren: die Glas-Halbleer- und die Glas-Halbvoll-Blickrichtung. Für die einen ist das Glas bereits halbleer, für die anderen immer noch halbvoll. Sich nur für die eine oder andere Perspektive zu entscheiden, ist nicht zielführend. Denn das würde bedeuten, dass man sich nur mit halber Sache abfindet. Beide Blickrichtungen stimmen. Sie ermahnen uns zu einem realistischen Blick auf unsere Kirche: einerseits auf das, was tatsächlich nicht mehr da ist, und andererseits auf das, was sich der Kontinuität erfreut und den Raum für weiteres «Befüllen» des schon oder noch Halbvollen eröffnet. Auch Jesus ermahnt uns dazu, sich nicht mit halber Sache zufriedenzugeben: «Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben», lesen wir in Johannes 10,10.
Am Ende des Jahres blicke ich nun zurück auf ein pastorales Leben in Fülle in den fünf Pfarreien unseres Pastoralraumes Region Aarau. Bereits die sehr informativ und anschaulich gestalteten Websites einzelner Pfarreien geben Zeugnis von einem kirchlichen Leben, das auch in diesem Jahr aus dem Vollen gestaltet wurde. Diese Fülle an kirchlich-pastoralem Leben möchte ich zusammenfassend mit zwei Stichworten beschreiben: Gelebte Synodalität und gelebte Katholizität. Durch die generationenübergreifende Einbindung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und mit verschiedenen kirchenkulturellen Prägungen in das pfarreiliche Leben wurden Teilhabe und Mitsprache von Jung und Alt bei der Organisation und konkreten Gestaltung des kirchlichen Lebens vor Ort ermöglicht. Mit solcherart gemeinsamem Gehen geben wir nicht nur der Katholizität (d.h. Vielfalt und Universalität) und der angestrebten Synodalität unserer Kirche einen lebendigen Ausdruck. Unsere Pfarreien erfüllen damit vor Ort auch eine essenziell wichtige gesellschaftliche Rolle in einer Welt, welche zunehmend von sozialer Ungleichheit, ausgrenzenden Ideologien und der Angst sowie dem Misstrauen gegenüber «Anderen» geprägt ist. Vielfältig, lebendig, generationenübergreifend, innovativ, sozial-sensibel und nachhaltig, aber auch mit nötiger Sensibilität für Vertrautes und Traditionelles – darin bestand auch in diesem Jahr die Fülle des kirchlichen Lebens in unserem Pastoralraum. Und dies ganz im Sinne des Leitsatzes unseres Pastoralraumes: Nah bei Menschen.
Und von diesem Leitsatz ausgehend richtet sich mein Blick auch nach vorne. Bei aller Notwendigkeit teilweiser organisatorischer Neueingriffe in die pastoralen Strukturen – egal ob sie sich aus der Glas-Halbleer- oder aus der Glas-Halbvoll-Blickrichtung speisen – darf jenes Nah bei Menschen nicht ausgeblendet werden. Das organisatorisch-strategische Ziel bei der Zukunftsplanung kann nicht darin liegen, das perfekte und effizienteste Organisationsgebilde für die nächsten Jahrzehnte zu kreieren. Denn, erstens, können wir das gar nicht in Anbetracht der grossen Veränderungsdynamiken unserer Gesellschaft und der Kirche selbst. Und zweitens bergen die besonders in der Glas-Halbleer-Blickrichtung bevorzugten zentralistischen und grossräumigen Organisationsmodelle die Gefahr in sich, die Distanz zur Kirche nur noch zu erhöhen und letztendlich auch das zu ersticken, was aus der Glas-Halbvoll-Perspektive vor Ort tatsächlich noch gut funktioniert. Nah bei Menschen gestaltet sich in den einzelnen Pfarreien und nicht in grossen Zentren. Das lehrt uns auch eine organisatorische Erfindung der katholischen Kirche: das Subsidiaritätsprinzip.
Egal, welche Perspektive man annimmt: In beiden gibt es freien Raum, um neu befüllt zu werden. Und so wünsche ich uns allen, dass wir auch im neuen pastoralen Jahr aus dem Vollen schöpfen und das kirchliche Leben in Fülle gestalten mögen.
15. Dezember 2025 | Samuel Behloul
