Welcher Gott für welche Gesellschaft und Welt?
Das Konzil von Nizäa und die Zerrissenheit des Christentums – das neue Buch von Urs Eigenmann

Urs Eigenmann (*1946 in Bern) studierte Philosophie und Theologie in Luzern und in Münster. Er wurde 1973 zum Priester geweiht und promovierte 1984 mit einer Dissertation über Hélder Câmara. Eigenmann hat zahlreiche theologische Werke veröffentlicht. Von 1986 bis 1991 war er Sprecher der Sendung Wort zum Sonntag im Schweizer Fernsehen.
Nizäa und Konstantinopel und Vatikanum II: Konzilien widersprechen sich
Das Vatikanum II fordert, dass die Heilige Schrift die Seele der Theologie sein muss (Optatam totius 16). Für Joseph Ratzinger hat das «revolutionierende Bedeutung.» Weshalb? Bereits im 2. Jahrhundert hat Justin der Märtyrer (gest. 165) das Christentum als philosophische Lehre (miss)verstanden. Er fragte nicht mehr nach dem Jesus von Nazaret und dessen Reich-Gottes-Zeugnis. Stattdessen sah er in ihm den Logos Gottes und spekulierte darüber, ob dieser von einer Jungfrau geboren worden sei und ob er schon immer existiert habe. Justin gab das historisch-praxisbezogene Denken der Bibel auf und ersetzte es durch ein philosophisch-spekulatives, das fragte, ob Christus Mensch oder Gott oder beides zugleich sei. Das Konzil von Nizäa lehrte 325 die Göttlichkeit Jesu und das Konzil von Konstantinopel bekannte 381 die Dreifaltigkeit Gottes, die keine Grundlage in der Bibel hat. Die Seele der Theologie der ersten Konzilien ist nicht die Bibel. Bis heute ist die Forderung des Vatikanum II in der röm.-kath. Kirche nicht rezipiert worden, ausser in Teilen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und von den Päpsten Franziskus und Leo XIV.
Die Vorstellungen von Gott haben Folgen für die Gestaltung der Welt
Auf welchen Gott man sich beruft, hat Folgen für die Gestaltung der Welt. Der Gott der Bibel ist der Gott der Armen und Unterdrückten, der das Elend seines Volkes sieht, es befreien will und damit Mose beauftragt hat (Ex 3,7-10). Im Namen dieses Gottes hat Jesus das Reich Gottes bezeugt (vgl. Mk 1,15). Mit ihm ist eine Gesellschaft und Welt verbunden, die sich am Wohl der Geringsten orientiert (vgl. Mt 25,40) und alle Formen von Gewalt ablehnt.
Der Gott der ersten zwei Konzilien ist der Gott der Reichen und Mächtigen, in dessen Namen Gewalt ausgeübt und getötet werden kann. 385 wurden in Trier die ersten Christen auf Anordnung von Christen ermordet. Später haben die heiliggesprochenen Kirchenlehrer Bernhard von Clairvaux und Robert Bellarmin das Töten von Ungläubigen bzw. von Häretikern befürwortet. In Lateinamerika kamen als Folge einer Bulle von Papst Alexander VI. aus dem Jahr 1492 Dutzende von Millionen im Zuge der Missionierung durch die Spanier zu Tode.
Alle christlichen Kirchen sind zerrissen
Seit den ersten zwei Konzilien gibt es zum einen das prophetisch-messianische Christentum, das dem befreienden Gott des Exodus und des Reiches als dem Gott der Armen und Unterdrückten verpflichtet ist. Und es gibt die imperial-götzendienstverträgliche Christenheit, die den Gott der Reichen und Mächtigen vertritt und alle irdischen Verhältnisse rechtfertigen kann.
Diese Unterscheidung gilt für alle Kirchen. In der röm.-kath. Kirche vertraten die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus gegensätzliche Positionen in Bezug auf das Reich Gottes. Benedikt XVI. verteufelte es, für Franziskus ist es zentral: «Evangelisieren bedeutet, das Reich Gottes in der Welt gegenwärtig machen» (EG 176).
In den Kirchen der Orthodoxie unterstützt Patriarch Kyrill Putin im Krieg gegen die Ukraine. Patriarch Bartholomäus kritisiert ihn deswegen und fordert ihn zum Rücktritt auf. In den USA beruft sich Donald Trump mit der Bibel in der Hand auf das Christentum für seine rassistische und imperiale Politik, weswegen ihm die Bischöfin Mariann Edgar Budde ins Gewissen geredet hat.
14. März 2026 | Text: Urs Eigenmann – auf Einladung von Peter Bernd, Leitender Priester im Pastoralraum
Das Buch von Urs Eigenmann ist 2026 in der Edition Exodus erschienen und im Fachhandel erhältlich.


