Räume sehen und Räume gestalten
Pastoralraum-Konferenz vom 22. April 2026 in Entfelden

Der Spielplatz «St. Martins Arche» der Pfarrei Entfelden ist ein gelungenes Beispiel eines gestalteten Sozialraums. Er ermöglicht Begegnung von Jung und Alt – mit oder ohne kirchlichen Bezug. Bild: Dani Schranz
Zweimal im Jahr kommen die Mitarbeitenden der fünf Pfarreien des Pastoralraums Region Aarau zur sogenannten Pastoralraum-Konferenz zusammen. Dieser Austausch ist mehr als ein reiner Informationsanlass. Er soll die Mitarbeitenden zusammenführen, inspirieren und den Blick weiten. Am 22. April trafen sich rund 35 Personen in Entfelden – Seelsorgende, Katechetinnen, sozialdiakonisch Mitarbeitende, Sakristane, Pfarreileitungen, Missionare und Mitarbeitende der Fachstellen – zu einem Halbtag unter dem Titel: «Räume wahrnehmen – Sozialraum entwickeln – Ideen entwickeln».
Als Referenten eingeladen waren Isabelle Schreier und Urs Bisang der Fachstelle Jugend und junge Erwachsene der Landeskirche Aargau.
Mit dem Stift beginnen
Der Einstieg war spielerisch. Die Teilnehmenden jeder Pfarrei griffen zum Filzstift. In je einer Minute pro Thema wurden sechs Ansichten der eigenen Kirche skizziert: Altar und Altarraum, Kirchenraum und Bänke, Aussenansicht der Kirche, Kirchturm und ein persönlich bedeutsamer Ort. Keine Kunstwerke waren gefragt, sondern Wahrnehmung: Was sehe ich wirklich, wenn ich den mir vertrauten Raum anschaue?
Die kleine Übung legte den Grundstein für die eigentliche Fragestellung des Tages: Wie gehen wir mit unseren Räumen um? Wen wollen wir einladen? Wem möchten wir dort begegnen?
Was ein Sozialraum ist
Im Mittelpunkt des Vormittags stand ein Begriff, der auf den ersten Blick etwas theoretisch klingt, in der Praxis aber schnell konkret wird: der Sozialraum. Gemeint ist damit kein physischer Raum im architektonischen Sinn, sondern ein Ort, der wiederholt aufgesucht wird und der Begegnung ermöglicht – auch ungeplant, von selbst. Das kann eine Bushaltestelle sein, ein Schulhof, ein Quartierplatz. Oder eben: ein Kirchenraum oder ein Kirchenvorplatz.
Die Fachstelle Jugend und junge Erwachsene der Landeskirche hat in den letzten Jahren untersucht, wie kirchliche Räume neu gedacht werden könnten – mit einem besonderen Augenmerk auf Bedürfnisse von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Fünf Qualitäten machen nach Ansicht der Referenten einen Raum zum gelebten Sozialraum: Er lädt ein, ohne auszuschliessen (Inklusion). Er lässt sich nach eigenen Bedürfnissen nutzen (Aneignung). Er bringt Menschen in Kontakt (soziale Interaktion). Er stärkt das Miteinander (sozialer Zusammenhalt). Und er ermöglicht Selbstwirksamkeit – das Gefühl, als Subjekt etwas gestalten und bewirken zu können (Empowerment).
Ein Raum sendet Signale aus. Möblierung, Ausrichtung und Gestaltung können einladend wirken oder ausgrenzen. Den Nutzen einer Cafeteria muss man niemandem erklären. Zwei Stühle auf dem Trottoir laden zum Innehalten und Ausruhen ein.
Isabelle Schreier präsentierte konkrete Projekte aus dem Kanton Aargau und eines aus Frankfurt am Main als Referenzobjekte. Was sie gefunden hat, sind gelungene Beispiele erschaffener Sozialräume, die gezielt Jugendliche und junge Erwachsene ansprechen.
In Laufenburg pflanzten Firmanden Bäume auf der Plattform vor der Stadtkirche St. Johann, später kamen Sitzmöglichkeiten dazu. Für die teilnehmenden Jugendlichen wurde so ein Ort mit Identifikation und «meinem Bäumchen» erschaffen. Heute wird der Platz für Freizeittätigkeiten und gelegentlich auch für liturgische Feiern genutzt.
In Suhr schraubten Ministrantinnen und Ministranten Bänkchen aus Paletten zusammen – beweglich, frei aufstellbar, von allen nutzbar. Wer den Platz seither besucht, trifft auf Jugendliche und Senioren gleichermassen. Ein Geocaching-Projekt brachte zudem in neun Monaten über 300 Menschen an den Ort, viele davon ohne bisherigen Kirchenbezug.
In Rheinfelden steht ein ausgebauter Bauwagen für Kinder aus dem Quartier. Und in Siggenthal zeigt ein Jugendraum mit Bar, Aufenthalts- und Diskobereich, was möglich ist, wenn Räume konsequent auf die Ansprüche eine Gruppe ausgerichtet werden.
Die Räume entdecken
Nach der theoretischen Einführung gingen die Teilnehmenden im Pfarreizentrum Entfelden in Gruppen zu Fuss auf Erkundung, mit konkreten Fragestellungen: Wo zieht es mich hin? Was macht diesen Raum interessant? Und was wäre ein erster realistischer Schritt, ihn sozialräumlich weiterzuentwickeln?
Die Ergebnisse wurden anschliessend im Plenum im 40-Sekunden-Format präsentiert – als sogenannter Elevator-Pitch. Die Ideen, die dabei entstanden, zeigen, wie viel Potenzial in den bestehenden Räumen steckt. Vielleicht eine Yoga-Ecke im Aussenbereich? Ein Pétanque-Platz oder ein Ort zum Sternebeobachten? Oder gar ein sozialdiakonisches Notschlafstellenprojekt im Kirchenraum? Ein Gruppenraum, komplett leergeräumt, mit grossem Tisch und offener Tür – als mehrgenerationelles Arbeits- und Begegnungscafé?
Vieles ist möglich
Das Fazit des Tages ist ermutigend: Vieles ist bereits vorhanden. Das Potenzial ist aber noch gross. Und der erste Schritt ist oft kleiner, als man denkt. Ein Bänkchen, ein schattenspendender Baum, ein offener Raum.
Wissen wurde geteilt, Ideen wurden geweckt, und die Mitarbeitenden aus den fünf Pfarreien haben gemeinsam über das nachgedacht, was sie täglich umgibt: ihre Räume und die Menschen, denen sie dort begegnen – oder begegnen könnten.
22. April 2026 | Dani Schranz


