«Könnten Sie mir etwas Geld geben?»
Passanten- und Passant:innenhilfe im Pastoralraum Region Aarau

Sozialarbeiterin Heidi Emmenegger (rechts) im Beratungsgespräch im Offenen Pfarrhaus in Aarau.
Kennen Sie diese Frage? Sie sind in der Stadt unterwegs und werden angesprochen. Plötzlich sind Sie in ihrem christlichen Verhalten direkt angesprochen. Vielleicht haben Sie diese Situationen schon öfter erlebt, vielleicht haben Sie schon ein «Konzept», wie Sie dann reagieren. Oder sind Sie in jeder neuen Situation wieder neu im Konflikt, ob Sie etwas geben oder nicht. Wir sollen doch Arme unterstützen, hat Jesus nicht auch so gehandelt?!? Oder Sie fühlen sich bedrängt und reagieren ungeduldig. Und danach fühlen Sie sich unwohl … hätte ich doch etwas geben sollen?
All diese Gefühle und Reaktionen sind zuerst einmal normal.
Auch wir als Seelsorgende oder Sozialarbeitende kennen diese Reaktionen. Auch wir stehen nicht selten in einem Dilemma. Menschen spenden Geld, sei es direkt oder über das «Antoniusopfer», damit die Kirche sich für Menschen einsetzt, deren Mittel zum Leben nicht reichen. Wie setzen wir dieses Geld ein?
Kennen Sie die Erzählung vom Barmherzigen Samariter im Neuen Testament? Jesus antwortet damit auf die Frage, wer ist mein Nächster. Entscheidend für unser Thema ist, dass hier Hilfe umgehend, konkret, nachhaltig ist – also durchaus überlegt und in gewisser Weise auch konzeptionell.
Wir als Kirchen wollen helfen! Wir sollen es auch. Und wir wollen es so gerecht, professionell und sinnvoll tun, wie möglich. Ziel ist es, dass es dem Menschen dient, oder wie es im Konzept lautet:
«Die Passanten- und Passant:innenhilfe ist ein niederschwelliges Unterstützungsangebot des Pastoralraums Aarau. Sie ermöglicht Menschen in akuten Notlagen eine rasche und unbürokratische Unterstützung. Sie versteht sich als Zeichen gelebter Solidarität und als konkrete Unterstützung für Menschen in schwierigen Lebenssituationen.»
Die Hilfe ist ein «Ort der Begegnung. Hilfesuchende werden offen, respektvoll und wertschätzend» empfangen. Gleichzeitig wird aber auch an die Sicherheit der Mitarbeitenden gedacht und an die unterschiedlichen, auch menschlichen Situationen, die entstehen können. Grundlage bleibt immer, Menschen ernstnehmen, auch und gerade in ihrer Not, die nicht selten auch Druck erzeugt.
Weil wir aber nicht unbegrenzt Geld haben und vor allem die Menschen unterstützen wollen, die keine sonstige Unterstützung bekommen – also durch die «Maschen fallen» –, braucht es ein klares Konzept, auch um ungerechtes Verteilen so weit wie möglich zu verhindern. In der Pfarrei Aarau, die aufgrund ihrer Lage und Bedeutung oft besucht wird, werden die Menschen unterstützt, die sonst keine staatliche finanzielle Unterstützung bekommen. Das sind aktuell:
- Menschen ohne gültigen Ausweis
- Ausreisepflichtige Asylsuchende, die keine Nothilfe erhalten
- Menschen mit L-Ausweis ohne aktuelles Einkommen
- Obdach- bzw. wohnungslose Menschen aus dem In- und Ausland
- Fahrende/Jenische/Sinti und Roma aus dem In- und Ausland, die keinen festen Wohnsitz haben und keine Sozialhilfe beziehen
Es wird zwischen «Ordentlicher und weiterführenden Passant:innenhilfe» unterschieden. Denn «die Unterstützung ist niederschwellig und ersetzt keine längerfristige Sozialberatung, Sozialhilfe oder spezialisierte Fachberatung.» Deshalb kommt daneben auch die Triage ins Spiel – das Unterstützen bei der Suche, welche Stellen, staatlich oder kirchlich, weiterhelfen können.
Und trotz allem bleibt es uns schmerzlich bewusst, dass es am Ende immer Situationen geben wird, in denen wir spüren, dass diese Art von Hilfen die eigentlichen Ursachen von Not, Flucht und Armut nicht verändern können. Deshalb engagieren wir uns auch gesellschaftlich, in Netzwerken, in Kontakt zu den staatlichen Stellen und Verantwortlichen – denn Kirchen sind Teil der Gesellschaft, in der gerade ihre Unterstützung von Menschen in Not einen hohen Stellenwert hat.
Wenn Sie das nächste Mal in eine Situation kommen, wo Sie angesprochen werden, können Sie sich zum Beispiel an den «10 Tipps und Infos im Umgang mit bettelnden Menschen» der Caritas Deutschland orientieren. Oder Sie verweisen auf unsere Pfarrämter.
So oder so, wenn Sie dem Menschen begegnen, begegnen Sie ihm als Mitmensch. Nehmen Sie ihn ernst. Oder wie der 10. Tipp heisst: «Für jeden Menschen gilt: Keiner lebt ohne Grund auf der Strasse, keiner bettelt freiwillig. Die Gründe können für mich nachvollziehbar sein oder nicht, es gibt sie aber. Und dahinter steckt in fast allen Fällen Not.»
29. Juli 2026 | Burghard Förster, Pfarreileiter in Aarau


