Eine letzte Glace

von Burghard Förster, Pfarreileiter in Aarau

Eine letzte Glace liegt im Tiefkühlfach. Eine letzte Glace. Wie eine Erinnerung an den heissen Sommer. An die Tage am Meer, glücklich, zeitlos.

Erinnerung an das unkomplizierte Outfit am Abend und die Buntheit anbrechender Nächte im milden Licht des Himmels.

Erinnerung an schier unendlich viele leckere Sorten am Glace-Stand und an das kühlende prickelnde Getränk.

Erinnerung aber auch an die heissen Asphaltflächen unserer Stadt, die noch zu selten «geknackt» wurden, um den Pflanzen Raum, den Menschen Schatten und den Tieren Leben zu geben.

Auch eine mahnende Erinnerung an die baum- und schattenlosen Innenstädte, die vielen Hitzetoten, die zu warmen Gewässer, die gelben und vertrockneten Felder und Rasen …

Eine letzte Glace inmitten des Eises, die an Unwetter und Hagelstürme, die Keller fluteten und Autos zerbeulten, erinnerten.

An den vergangenen und die zukünftigen Sommer erinnert und mahnt uns das scheinbar unscheinbare Wasser-Glace im Tiefkühlfach. Wenn die Kälte jetzt herbstlich in unsere Kleider zieht und die Wohnungen und Zimmer erreicht, mag es schnell vergessen sein, dass unsere Erde und unsere Welt unsere Achtsamkeit und Unterstützung brauchen. Kein fatalistisches «Gott wird es schon richten» oder – schlimmer gar – Unwetter und Wandel als gegebenes oder gar als beabsichtigtes, apokalyptisches Strafen des Schöpfergottes zu betrachten …

Eine Glace erinnert mich daran, Erinnerung, Mahnung und Herausforderung ins Herz und in die Hände zu nehmen. Einen weiteren Baum pflanzen, naiv oder vorausschauend? Prioritäten neu setzen, eigenes Verhalten bei sich selbstkritisch anschauen und wenn nötig verändern. Nicht gegen, aber mit der Welt gehen, und das Mögliche tun, nicht am Unmöglichen verzweifeln. Die letzte Glace … viel mehr als gefrorenes Wasser.

Zum Glauben und zum Christsein sind die Fragen unerlässlich, wie auch die Mahnung und Bestärkung. Im Nahen Osten heisst es dann «inschallah», was bedeutet «so Gott will», und ist eine häufig benutzte Redewendung, die von Muslimen sowie arabischen Christen und Juden verwendet wird und die allgemein auch ausserhalb des arabischen Sprachraums bekannt ist. Zu der Sure 18 im Koran findet sich eine Parallele im frühchristlichen Jakobusbrief, Kapitel 4 im Neuen Testament. Eine kultur- und religionsübergreifende Erfahrung und Haltung also. Angesichts der grenzüberschreitenden Veränderung im Klima umso wichtiger, sich daran zu orientieren.

Dies ist kein Fatalismus, sondern das bewusste Hinterfragen eigener und weltlicher Machtfantasien und Selbstüberschätzung – aber auch eine nicht weniger mutmachende Zusage: «Gott traut mir etwas zu» – manchmal mehr als ich mir selbst – aber eben: mit Gottes Hilfe.


27. September 2026 | Burghard Förster, Pfarreileiter in Aarau