Das ungewissere Leben
von Peter Bernd, leitender Priester im Pastoralraum

Mahnmal für die Weisse Rose: Nachbildung von Flugblättern vor der Ludwig-Maximilians-Universität in München (Foto: Amrei-Mari/Creative Commons)
Im Sommer war ich mit Freunden in meiner ersten Heimat am Mittelrhein unterwegs. Ausflugsziele gibt es in den malerischen Tälern von Rhein und Mosel mit den Burgen und steilen Rebhängen unzählige. Leider waren wie überall die Theater- und Konzerthäuser in Sommerruhe, das Kinoprogramm war lau und mau. Aber es gab eine Ausnahme: Auf einer kleinen Sommertour durch eine Handvoll Städte glänzte ein junges Team mit Energie und Stimme mit dem Musical «Die weisse Rose» von Vera Bolten und Alex Melcher und erinnerte nicht nur hautnah an den studentischen Widerstand gegen das Naziregime 1942/43, sondern markierte einen kompromisslosen Einspruch gegen den wiedererstarkenden Faschismus in Deutschland und weltweit. Es wird von den Flugblättern erzählt und den Parolen, die sie nachts auf die Wände in München pinselten, von den Kontakten, die sie in andere Städte aufbauten, von Verhören und Hinrichtung. «Ein junges Team hat […] Bewegendes geschaffen, das sogar Hoffnung stiftet und von der Kraft der Wahrheit erzählt», schreibt die Abendzeitung München.
Wir hatten Karten für die letzte Vorstellung in Köln und gingen anschliessend durch die mittourende Ausstellung mit Fotos und Texten. Schon in der Schulzeit und danach immer wieder war die «Weisse Rose» Thema für mich. Ich habe Gedenkorte gesehen, und im nahegelegenen Saarland tragen Schulen, Strassen und Plätze den Namen von Willi Graf, der in Saarbrücken aufgewachsen ist. Er war Mitglied im katholischen Schülerbund Neudeutschland, heute «Katholische Studierende Jugend», und schloss sich 1934 dem «Grauen Orden» an, einem gegen die Hitler-Diktatur stehenden, verbotenen katholischen Jugendbund. Willi Graf weigerte sich stets, allen Drohungen zum Trotz, der Hitlerjugend beizutreten. 1938 wurde er wegen «bündischer Umtriebe» verurteilt und inhaftiert. Später war er Teil der Weissen Rose.
Er war wie die anderen vom Christentum geprägt und hatte gelernt, sich auszutauschen und kritisch wahrzunehmen, was um einen herum geschah und immer lauter wurde. Auch sein Chirstsein entwand sich den Dogmen und hohlen Formeln. Am 6. Juni 1942 schreibt Willi Graf in einem Brief an seiner Schwester Anneliese: «Die Art und Erziehung, wie wir in der Religion aufwuchsen, sind denkbar schlecht und voller Unmöglichkeiten. Innerlich war dieses ganze Gebäude hohl und voller Risse. […] Ich behaupte, dass dies gar nicht das eigentliche Christentum war, was wir all die Jahr zu sehen bekamen und das uns zur Nachahmung empfohlen wurde. In Wirklichkeit ist Christentum ein viel schwereres und ungewisseres Leben, das voller Anstrengung ist und immer wieder neue Überwindung kostet, um es zu vollziehen.» – An einem der letzten Sonntage wurde in den katholischen Kirchen das Evangelium gelesen, in dem Jesus zu seinen Jünger:innen sagt: «Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden» (Mt 16,24f.).
Da ist mir das Musicalerlebnis aus dem Sommer eingefallen und der Satz von Willi Graf. Dieses Sich-Verleugnen und Sein-Kreuz-auf-sich-Nehmen meint kein Wegducken und hat nichts mit bürgerlicher Moral zu tun. Sondern: Es zielt auf das «ungewissere Leben». Und das bedeutet, dass man etwas drangeben muss, dass Widerstand und Mut zum klaren Wort gefordert sein werden. Aber es ist echteres, wahreres, liebevolleres, sinnvolleres und solidarischeres Leben. Als Christ:in in der Nachfolge nicht eines überhöhten und dogmatisch verkehrten Christus, aber des ungewisseren Lebens, das das Leben des Messias Jesus war.
3. September 2026 | Peter Bernd, leitender Priester im Pastoralraum


