Schwester KI und Bruder Demut
von Dr. Samuel Behloul, Pastoralraum-Leiter und Pfarreileiter in Entfelden

Statue des Heiligen Franziskus von Assisi in der Kirche des Heiligen Franziskus in Mantua, Italien
Die Debatte über die Künstliche Intelligenz (KI) kennt mittlerweile keine Grenzen mehr. Sie durchdringt jeden noch so kleinen oder grösseren Bereich unseres Lebens. Was einst in den Laboren der Spitzenforschung begann und sich ursprünglich nach Science-Fiction anhörte, befeuert nun den Profitrausch an den Börsen, wirft fundamentale ethische Fragen auf und verändert unaufhaltsam unser Alltagsleben. Am Ende geht es um nichts Geringeres als um die kühnsten Visionen – und neuerdings immer mehr auch um die existenziellen Ängste – über die Zukunft der Menschheit. Dementsprechend bewegt sich die gesamte KI-Debatte in einem breiten Spannungsfeld zwischen ungebremster Goldgräberstimmung und Zukunftsversprechen auf der einen und tiefsitzender existenzieller Angst auf der anderen Seite. Neuerdings warnen sogar die KI-Macher selbst vor den Gefahren des rasanten Fortschritts ihrer KI-Systeme.
Am 12. September dieses Jahres forderte beispielsweise Dario Amodei, Chef des führenden US-amerikanischen KI-Unternehmens Anthropic, in Anbetracht der enormen Entwicklungsgeschwindigkeit und dem drohenden Kontrollverlust im Bereich der KI eine ein- bis zweijährige, kontrollierte Pause bei der Entwicklung der KI. Die führenden Köpfe der mächtigen US Tech-Konzerne – darunter auch Elon Musk – stimmten ihm zu. Obwohl dieser Vorstoss offiziell als ethischer Mahnruf für globale Sicherheitsstandards daherkommt, wittern Kritiker und staatliche Medien wie z.B. die Global Times bloss ein geopolitisches Manöver dahinter, unter dem Deckmantel der Ethik die chinesische Konkurrenz technologisch auszubremsen.
Genau in diesem Spannungsfeld – zwischen dem profitorientierten, machtgetriebenen Denken der Tech-Riesen und dem angstgetriebenen Blick der KI-Skeptiker – schlägt der weltbekannte italienische Modedesigner, milliardenschwerer Unternehmer und Philanthrop Brunello Cucinelli einen spirituellen Umgang mit der KI vor. Er nutzt nämlich das Jubiläumsjahr des Heiligen Franziskus von Assisi, um in seinem Essay «Saint Francis and Sister Artificial Intelligence» («Heiliger Franziskus und die Schwester Künstliche Intelligenz») eine Brücke zwischen Schöpfung und Technologie zu schlagen. In Anlehnung an den berühmten Sonnengesang, in dem der Hl. Franziskus die Natur als Geschwister («Bruder Sonne», «Schwester Mutter Erde») ehrt, geht der grosser Franziskus-Bewunderer Cuccinelli sogar so weit, die KI-Technologie liebevoll als «Schwester KI» zu nennen und integriert sie in die Schöpfungsharmonie des Hl. Franziskus. Der Heilige selbst, so argumentiert Cucinelli, würde die KI heute als «Schwester KI» willkommen heissen und Gott dafür danken. Denn sie ist schliesslich ein Kind des menschlichen Geistes, der wiederum Teil der göttlichen Schöpfung ist.
Das Franziskus-Jubiläumsjahr lädt tatsächlich dazu ein, Leben, Spiritualität und Vermächtnis dieses Heiligen neu zu entdecken. Doch wer seinen faszinierenden und so aktuellen ganzheitlichen Ansatz für unsere Welt fruchtbar machen will, muss zunächst danach fragen, was die fundamentale Voraussetzung für die geschwisterliche Verbundenheit mit der Schöpfung und mit den Menschen beim Hl. Franziskus war. Es war die radikale Demut. Erst sie befreite den suchenden und seelisch leidenden Franziskus von allerlei Machtstreben und führte ihn zu der zentralen Erkenntnis: Nicht ich stehe im Vordergrund, sondern ich bin ein Teil des Ganzen. Wenn wir lernen, «Schwester KI» nicht mit Allmachtsphantasien und Profitgier, sondern an der Seite von – franziskanisch gesprochen – «Bruder Demut“ zu begegnen, dann müssen wir nicht befürchten, der Fortschritt der Zukunft werde im ausschliesslichen Diktat der Algorithmen liegen. Vielmehr werden wir uns dann als Teil eines geschwisterlichen Schöpfungswerkes begreifen – auf dem Weg zu einer universellen Versöhnung, die Gott, die Menschheit und die gesamte Natur untrennbar miteinander verbindet.
12. Oktober 2026 | Dr. Samuel Behloul, Pastoralraum-Leiter und Pfarreileiter in Entfelden


