Bücher, die zum Nachdenken anregen
von Viktoria Vonarburg, Pfarreileiterin in Schöftland

Hartmut Rosa ist ein deutscher Soziologe und Politikwissenschaftler. Er lehrt als Professor für allgemeine und theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt.
In den vergangenen Jahren haben mich u.a. die Bücher Unverfügbarkeit und Beschleunigung und Entfremdung des renommierten Soziologen Hartmut Rosa mit ihren Gegenwartsanalysen tief beeindruckt. Viele Menschen sind zusehends überfordert. Aufgrund des Transzendenzverlusts der postmodernen, säkularen Gesellschaft werden Sinn und Erfüllung hier gesucht.
Alle Möglichkeiten sind auszuschöpfen: Heute ein Konzertbesuch in London, morgen ein Abstecher nach Rom auf einen Kaffee und dann noch kurz auf eine Shoppingtour nach New York übers Wochenende. In dieses eine Leben werden alle möglichen Leben gepackt. Die eigene Reichweite wird immer mehr ausgeweitet, sei es durch Verkehrsmittel wie Flugzeuge oder durch digitale Bibliotheken und Musikplattformen mit einer unendlichen Anzahl an hinterlegten Titeln. Stress ist vorprogrammiert.
Um dem entgegenzuwirken, müssen wir uns in Achtsamkeit üben. Doch auch hier spielt Leistung mit hinein. Alles und jede*r stehen permanent unter einem Optimierungszwang. Kein Aspekt unseres Lebens ist davon ausgenommen: Die Wirtschaft muss wachsen, im Job muss man weiterkommen, der eigene Körper ist zu optimieren, notfalls auch mittels plastischer Chirurgie. Wer nicht mitkommt, bleibt auf der Strecke. Antreiber hinter dieser Bewegung sei nicht der Drang nach immer mehr, sondern die Angst vor dem Weniger.
Um wieder Sicherheit zu erlangen, wird nach Kontrolle gestrebt. Sogar Wetterphänomene wie Regen und Schneefall werden künstlich manipuliert. Zugleich geht unser Bezug zu unserer Mit- und Umwelt (und auch zu uns selbst) dadurch zusehends verloren. Denn der Versuch, sich die Welt verfügbar zu machen, zerstört die Beziehung, die Resonanz zwischen uns und dem, was uns begegnet.
Beziehung basiert gemäss Rosa nämlich wesentlich auf Unverfügbarkeit. Das habe ich z.B. in Assisi erlebt: In einem Jahr herrschte dort eine grosse Ruhe. Das war nun meine Vorstellung und Erwartung an diesen Ort. Im Jahr darauf war die Stimmung dagegen angespannt, ein unruhiges Gewusel um mich herum, das mich die Stille des Ortes nicht hat erleben lassen. Wir wissen nie, wann und wie wir von etwas oder jemandem berührt werden.
In seinem neuesten Buch Situation und Konstellation entfaltet Rosa einen weiteren Aspekt: Unsere Wirkmächtigkeit wird zusehends durch Reglementierungen eingeschränkt. Mir fällt das im ÖV auf: Früher hielt der Bus für ältere Personen beim Einkaufsladen. Der Fahrer erlebte sein Tun als wirksam. Am Abend konnte er erfüllt und zufrieden die Schicht beenden, er hatte Menschen eine Freude gemacht und ihnen geholfen. Heute gibt es strenge Vorgaben, es darf nicht mehr einfach angehalten werden: Nur noch bei der offiziellen Haltestelle dürfen Personen ein- und aussteigen. Die Selbstwirksamkeit ging verloren.
Bisher habe ich erst das Vorwort gelesen und doch sind schon viele Gedanken davon ausgelöst worden. Nun freue ich mich schon auf die weitere Lektüre. Das muss jedoch vorerst noch warten, bis ich mehr Zeit habe und mich ganz darauf einlassen kann. Denn Rosas Bücher sind für mich immer auch ein Resonanzgeschehen. Mit welchem Ausgang wohl diesmal?
11. Juni 2026 | Viktoria Vonarburg


