Das Ende des Alterns?

Dr. Samuel Behloul, Pastoralraum-Leiter

Alter, Gebrechlichkeit und sogar der Tod scheinen nicht mehr in den sich rasant entwickelnden neuen Longevity-Betrieb zu passen.
Auf dem Bild: ein 98-jähriger Mann aus Lenzburg beim Fünfweiher. © Chris Iseli Fotografie

Seit 25 Jahren läuft in den USA eine besondere Wette. Der Wetteinsatz ist riesig: eine Milliarde Dollar. Der Altersforscher Steven Austad wettete 2001 um eine halbe Milliarde US-Dollar gegen einen Forscherkollegen, dass der erste Mensch, der 150 Jahre alt wird, schon geboren sei. Vor zehn Jahren verdoppelten die beiden den Wetteinsatz. Der Einsatz soll je nach Wettausgang an einen Nachkommen der beiden Wettkontrahenten ausbezahlt werden.

Bislang ein eher unterfinanzierter Bereich der Biotechnologieforschung entwickelt sich derzeit rund um longevity, also um Langlebigkeit, offenbar ein eigener Industriezweig mit Milliardeninvestitionen. Mit seinen teuren medizinischen Therapien gegen das Altern könnte der Longevity-Markt Schätzung zufolge in den nächsten fünf Jahren bis auf 50 Milliarden US-Dollar wachsen. Das ist sogar mehr als der aktuelle Jahresumsatz des weltführenden Film-Streamingdienstes Netflix.

Zu welchem Erfolg und in welchem Zeitraum die Langlebigkeits-Therapien führen sollen, lässt sich im Moment nicht abschätzen. Eines ist aber jetzt schon offensichtlich: Die Jagd nach Langlebigkeit oder gar nach der Umkehrung der Alterung ist inzwischen zu weit mehr als einer reinen Forschungsangelegenheit geworden. Sie wird immer mehr zu einer Spielwiese für Superreiche. Das berühmteste Beispiel ist der Multimillionär Bryan Johnson. Getreu seinem eigenen Lebensmotto «Don’t die» (Nicht sterben) nimmt er am Tag ca. 100 verschiedene Pillen, Präparate und Nahrungsergänzungsmittel zu sich und gibt dafür zwei Millionen US-Dollar im Jahr aus. Und seit 2023 findet jährlich in Gstaad die sogenannte Longevity Investors Conference statt. Die Teilnehmenden müssen 4500 Franken für ein Konferenzticket hinblättern und 1 Million Franken frei verfügbares Vermögen mitbringen, das sie in das Langlebigkeits-Geschäft investieren können.

Während nun das Altern in biomedizinischer Hinsicht noch als ein natürlicher biologischer Prozess angesehen wird, bezeichnet die Longevity-Branche das Altern bereits als eine Krankheit. Nicht die Krankheiten seien das eigentliche Problem, sondern der Alterungsprozess, der ihnen zugrunde liegt. Und dieser soll wie jede andere Krankheit behandelt werden. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung wirft die Longevity-Forschung tiefgreifende ethische Fragen auf. Wird sie nur für die Wohlhabenden verfügbar sein und bestehende soziale Ungleichheiten in einer neuen Dimension verschärfen? Oder werden die Menschen, die am Alter(n) nicht leiden, sondern diesen Prozess als eine Lebensphase sehen, die auch positive Seiten mit sich bringt, von der Gesundheitsbranche diskriminiert und als verantwortungslos angesehen, nur weil sie keine Anti-Aging-Massnahmen in Anspruch nehmen? Alter, Gebrechlichkeit und – je nach Machbarkeits- und Allmachtsfantasie – sogar der Tod scheinen nicht mehr ganz in den sich rasant entwickelnden neuen Longevity-Betrieb zu passen.

Das bevorstehende Osterfest wartet hingegen mit einer alle Menschen verbindenden Erzählung auf: die Brüchigkeit und die Endlichkeit gehören zu jedem Menschenleben. Erst die Anerkennung dieser Tatsache macht unser Leben so kostbar. Und die Osterbotschaft verleiht ihm eine Ewigkeits-Perspektive, von der wir zwar (noch) nicht wissen, wie sie ist, glauben aber, dass sie ist.

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest und lade Sie zugleich zu zwei Vortragsabenden zum Thema «Faszination Langlebigkeit» in der Pfarrei St. Martin Entfelden ein:

  • «Die Kunst, 100 zu werden», Prof. Dr. Sabina Misoch, 23. April, 19 Uhr.
  • «Altern – Programm, Zufall oder Schicksal?», Dr. med. Sasha Dunst, 5. Mai, 18.30 Uhr

30. März 2026 | Dr. Samuel Behloul, Pastoralraum-Leiter