Christliche Pilgererfahrung eines Muslims
von Viktoria Vonarburg, Pfarreileiterin in Schöftland

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, 1971 in Beirut geboren und aufgewachsen in Saudi-Arabien, studierte Islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien. Seit 2010 ist er Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und dort heute auch Leiter des Zentrums für Islamische Theologie. Foto: ZIT/Peter Grewer
Heute am Aschermittwoch beginnt die vierzigtägige Fastenzeit. Es ist eine Zeit, in der wir dazu ermutigt werden, unser Leben bewusst in den Blick zu nehmen: Was ist mir wirklich wichtig? Gebe ich manchen Dingen vielleicht eine Bedeutung, die sie eigentlich gar nicht haben? In der Fastenzeit bewusst auf gewisse Dinge zu verzichten – seien es z.B. Süssigkeiten, Chips oder die Nutzung von Social Media –, lässt eingeschliffene Gewohnheiten neu überdenken. Von manchem erkennen wir den Wert dadurch wieder, dass es seine Selbstverständlichkeit verliert, und geniessen es wieder voller Dankbarkeit. Bei anderem wird uns vielleicht bewusst, dass es uns gar nicht so viel gibt, sondern eher ein Zeit- und Energiefresser ist. Plötzlich haben wir Zeit für anderes, das viel besser tut. Auch innerlich, spirituell kann eine Veränderung stattfinden, indem wir spüren, wohin uns unsere Sehnsucht zieht, wenn wir nicht durch Alltägliches abgelenkt sind.
Nicht nur in der Fastenzeit sind uns solche Momente der bewussten Neufindung geschenkt. Es gibt viele verschiedene Instrumente dafür. Ein Beispiel ist das Pilgern. Auch hier sind wir unterwegs, um das Gewohnte hinter uns zu lassen und uns neu auszurichten. Pilgererfahrungen sind dabei so unterschiedlich wie die Menschen, die sich dazu auf den Weg begeben.
Mouhanad Khorchide (Bild) wollte als Muslim wissen, was christliches Pilgern bedeutet. Dem Hype folgend wollte er nach Santiago de Compostela. Ganz unvorbereitet flog er dorthin. Er dachte, dass es wohl so ähnlich sein wird wie das, was er von Mekka her kannte: In Santiago de Compostela angekommen würde man vermutlich am Grab des Hl. Jakobus bestimmte vorgegebene religiöse Rituale durchführen. Das wäre dann die Pilgererfahrung. So kannte er es. Es wunderte ihn, warum dort angekommen alle in Wanderschuhen rumliefen. Er musste feststellen, dass seine Annahmen komplett falsch waren. So nahm er sich vor, in die umgekehrte Richtung zu pilgern, um zu erleben, was christliches Pilgern ist.
Auf dem Weg begegneten ihm viele Menschen, mit denen er ins Gespräch kam: Warum machten sie sich auf den Pilgerweg? Und gab es religiöse Rituale, die sie dabei vollzogen? Erstaunt und irritiert stellte er fest, dass viele nicht aus einem religiösen Impuls heraus den Weg unter die Füsse nahmen. Dennoch konnten religiös-spirituelle Erfahrungen im weiteren Sinn gemacht werden.
Khorchide stellte fest, dass die Stille, die ihn umgab, sehr laut war: Die grossen Fragen des Lebens nach dem Sinn seiner Existenz, etc. drängten sich ihm ins Bewusstsein – eine Erfahrung, die er in Mekka nie gemacht hatte. Zu viel Trubel herrschte dort, als dass die Stille ihre Wirkung hätte entfalten können.
Interessant ist Khorchides Fazit: Der Jakobsweg hat ihn näher zu sich selbst gebracht. Mekka dagegen hat ihn näher zu Gott gebracht. Der Weg ist das Ziel (Jakobsweg) vs. Gott ist der Weg (Mekka), so seine Kurzzusammenfassung der Gegenüberstellung seiner beiden Pilgererfahrungen: «Auf dem Jakobsweg droht die Wallfahrt sich in eine Art psychologische Therapiewanderung zu verwandeln. In Mekka kann sie zu einer ritualisierten, aber auch rein spirituellen Reise werden. Können nicht beide Aspekte irgendwie zusammenkommen?»
Mouhanad Khorchide hat seine Erfahrungen im Buch «Ein Muslim auf dem Jokobsweg» veröffentlicht. Es ist 2024 im Verlag Herder erschienen.
18. Februar 2026 | Viktoria Vonarburg


